Naturschutz in der Stadt: Wert, Gefährdung & Schutz von Bäumen

(aus: Hansruedi Wildermuth, Natur als Aufgabe – Leitfaden für die Naturschutzpraxis in der Gemeinde, Schweizerischer Bund für Naturschutz, Basel 1980, Kapitel 24: Einzelbäume und Baumgruppen, S. 207—212)

Wert und Bedeutung

Bäume sind von lebenswichtiger ökologischer Bedeutung. Wenn man eine einzelne Linde fällt, wird zwar der Naturhaushalt als ganzes kaum stark beeinträchtigt. Bei dieser Überlegung ist aber zu bedenken, dass die Gesamtwirkung der Vegetation aus der Summe der Einzelwirkungen entsteht. Jeder Baum trägt wesentlich dazu bei. Man hat ausgerechnet, dass eine Buche mit 800 000 Blättern in der Stunde 2400 g Kohlendioxyd verarbeitet. Damit «reinigt» sie 5 000 m³ Luft. Gleichzeitig produziert sie eine entsprechende Menge von Sauerstoff, wovon sie allerdings einen Teil wieder selber verbraucht. An einem sonnigen Tag vermögen 25 m² Blattfläche — das entspricht 12 500 Buchenblättern — den Sauerstoffbedarf eines Menschen zu decken. Es ist ferner bekannt, dass Bäume die Lokaltemperatur erheblich beeinflussen können. So stellte man in baumbestandenen Grünstreifen der Stadt Frankfurt eine um 3,5°C geringere Temperatur fest als in entsprechenden Stadtvierteln ohne Bäume (Makowski, 1971). Dies hängt mit der Fähigkeit der Bäume zusammen, einen Teil der Sonnenenergie als chemische Energie zu binden. Ausserdem wird durch die Abgabe von Wasserdampf Verdunstungskälte erzeugt. Eine einzelne Birke mit 200 000 Blätter gibt beispielsweise täglich 300 bis 400 Liter Wasser ab. Eine weitere bedeutsame Fähigkeit ist das Flltervermögen gegenüber verschmutzter Luft. So zählte man in der Luft baumbestandener Stadtstrassen nur 3000 Staubteilchen pro m³ gegenüber 10 000—12 000 Teilchen in baumlosen Quartieren derselben Gegend. Ferner wurde festgestellt, dass ein Teil des giftigen Bleis aus den Auspuffgasen durch die Blätter aufgenommen und im Holz gespeichert wird. Für gewisse Tierarten ist ein Baum geradezu lebenswichtig, weil sie sich direkt oder indirekt davon ernähren, sich darin fortpflanzen oder vor Feinden Deckung suchen (Abb. 58). So bieten gerade alte, zum Teil morsche Baumriesen Unterschlupf für Fledermäuse, Eichhörnchen und Siebenschläfer, und manche Vögel können in hohlen Ästen oder im dichten Gezweig ihre Nester anlegen. ln der Krone finden sie für die Brut auch reichlich Nahrung: Blattläuse, Käfer und andere Insekten. Diese wiederum leben von Blättern, Früchten, Rinde und morschem Holz. Die kleinen Pflanzenfresser sind andererseits ein bedeutendes Nahrungsreservoir für die räuberischen Marienkäfer, Wespen, Netzflügler und Spinnen sowie für Schlupfwespen und andere schmarotzende Hautflügler. Dabei beherbergt jede Baumart eine eigene, für sie spezifische Lebensgemeinschaft. Wie für die Lärche nachgewiesen worden ist, stellt sich diese Biozönose auch dann ein, wenn der Baum allein steht, selbst mitten in einer Stadt, weit entfernt von anderen Lärchen (Schremmer, 1959). Damit ist eigentlich jeder Baum eine Welt für sich, die aus zahlreichen Klein- und Kleinstlebensräumen besteht. Andererseits ist er selber ein Bestandteil eines grösseren Ökosystems und damit des gesamten biologisch-chemisch-physikalischen Naturgeschehens.

Für die meisten Menschen liegt der ideelle Wert der Bäume in ihrer Schönheit. Je nach Standort, Alter und Form können sie von grosser ästhetischer Bedeutung sein und einem Dorfplatz, einem Bauernhof, einem Stadtquartier oder auch einer einsamen Gegend ein besonderes Gepräge geben. Bei Gerichtslinden, sagenumwobenen Eichen oder alten Bäumen, die mit geschichtlichen Ereignissen verbunden sind, kommt ausserdem eine kulturhistorische Komponente hinzu.

Gefährdung, Schutz und Pflege

Einzelbäume und Baumgruppen sind ständigen Angriffen ausgesetzt. Überall stehen sie dem Menschen im Weg oder leiden unter den Auswirkungen der modernen Zivilisation. Die folgenden Beispiele zeigen, welche akuten und schleichenden Gefahren diesen grünen Landschaftselementen drohen.

a) Akute Gefahren, die zum schnellen Tod der Bäume führen.

  • Eine mächtige Eiche steht mitten im zukünftigen Trasse der geplanten Umfahrungsstrasse.
  • Der von der Gemeinde beschlossenen Strassenverbreiterung und dem Bau eines Trottoirs steht eine Linde im Weg.
  • Die Pappelallee längs der Hauptstrasse stellt eine erhebliche Unfallgefahr dar.
  • Drei Birken stören die günstigste Parzellenausnutzung auf dem Bauplatz.
  • Eine neue elektrische Freileitung und eine alte Föhre kommen einander ins Gehege.
  • Auf dem vollmechanisierten Landwirtschaftsbetrieb können weder Baumgruppen noch einzelne Feldbäume geduldet werden.
  • Beim Bau des neuen Parkplatzes lässt sich die vorgesehene Parzelle ohne die beiden Bergahorne besser ausnutzen.
  • Die alte Hoflinde ist der Erweiterung des Gebäudes hinderlich.
  • Der Hauswart eines Zehnfamilienhauses ärgert sich alljährlich über das herbstliche Fallaub der Rosskastanie neben dem asphaltierten Vorplatz.
  • Drei mächtige Wettertannen im Waldweidegebiet, durch das eine Skipiste führt, gefährden den Skifahrer.

b) Schleichende Gefahren, die zum langsamen Absterben der Bäume führen.

  • Beim Bau eines Kanalisationsstranges wird das Wurzelwerk einer über hundertjährigen Linde lebensgefährlich verletzt.
  • Die Silberweide auf dem Areal eines privaten Kleinbetriebes beginnt als Folge der Einwirkung von versickernden ÖI- und Säureresten abzusterben.
  • Nach jedem Winter tragen die Platanen längs der Bahnhofstrasse als Folge des Streusalzeinflusses weniger Blätter. Der Kantonschemiker findet im Holz die gleiche Salzkonzentration wie in Salzgurken.
  • Die Blätter der Stadtparkbäume sind mit einer feinen Staubschicht überzogen. Ihre Zuckerproduktion ist infolge des geringeren Lichteinfalls vermindert, wozu auch die Dunstglocke über dem Häusermeer beiträgt.
  • Vor dem Hotel verdorren jedes Jahr mehr Äste der zweihundertjährigen Eiche. Die Asphaltierung des Platzes bis zum Fusse des Baumes lässt das Wahrzeichen der Kleinstadt langsam ersticken.
  • Als Folge der Grundwasserabsenkung in der benachbarten Baugrube beginnt eine alte Weide zu verdursten.
Alte, gesunde Bäume (hier eine Eiche) sind für das Siedlungsgebiet eine grosse Bereicherung. Beim Bau von Strassen, Plätzen, Kanalisationen usw. muss der Wurzelbereich der Bäume sorgfältig geschont werden

Alte, gesunde Bäume (hier eine Eiche) sind für das Siedlungsgebiet eine grosse Bereicherung. Beim Bau von Strassen, Plätzen, Kanalisationen usw. muss der Wurzelbereich der Bäume sorgfältig geschont werden

Schicksal einer Eiche, deren Wurzelbereich bei Bauarbeiten beschädigt und durch einen bis zum Stamm reichenden Asphaltbelag vom Regenwasser abgeschirmt wurde. Der Baum war nicht mehr zu retten

Schicksal einer Eiche, deren Wurzelbereich bei Bauarbeiten beschädigt und durch einen bis zum Stamm reichenden Asphaltbelag vom Regenwasser abgeschirmt wurde. Der Baum war nicht mehr zu retten

Kranke oder verletzte Bäume sind nicht immer hoffnungslos verloren. Bei wertvollen Patienten lohnt sich der pflegerische Aufwand. Die erfolgreiche Heilung und Lebensverlängerung erfordert allerdings den Beizug erfahrener Spezialisten. In den Vereinigten Staaten und in der Bundesrepublik Deutschland gibt es schon seit längerer Zeit ausgebildete Baumchirurgen, welche die kranken Bäume mit Röntgenstrahlen auf unsichtbare Schäden untersuchen und angefaulte Stämme fachgemäss behandeln. ln der Schweiz hat man jetzt ebenfalls damit begonnen. In den Städten mit ihren asphaltierten Strassen und Plätzen laufen die Bäume Gefahr, unter den Teerund Steinbelägen zu verdursten und zu ersticken. Um für diese Stadtbäume die Wasser- und Luftzufuhr zu verbessern, entwickelte der Zürcher Architekt H. Nyffenegger ein einfaches Bewässerungs- und Belüftungssystem. Dieses besteht aus einer wasserdurchlässigen Ringleitung, die im Boden um  den Stamm verlegt und durch einen Einlaufschacht mit der Oberfläche verbunden wird. Die Luftzufuhr ist über den durchlöcherten Schachtdeckel und durch ein Kiesbett rund um die Leitung gewährleistet. Wasser und Düngemittel lassen sich nach Belieben zuführen. Das System hat sich bereits bewährt.

Derartig aufwendige Pflegemassnahmen mögen übertrieben erscheinen, sind aber notwendig, wenn der Bestand an wertvollen Bäumen in unseren Städten und Dörfern erhalten bleiben soll. Bei uns ist man leider erst an den wenigsten Orten so weit, dass die Wohlfahrtswirkung der Bäume gegenüber den wirtschaftlichen «Sachzwängen» sorgfältig genug abgewogen wird. Die Forderungen des bundesdeutschen Landschaftplaners H. Makowsky (1971) nach einem besseren Schutz für die Bäume gelten deshalb auch für unser Land: «Alle technischen Massnahmen zur Säuberung der Luft und zur Verringerung des Lärms müssen jedoch Stückwerk bleiben, solange die Bäume nicht in die Umweltvorsorge für morgen eingeplant werden. Das bedeutet, dass Stadt- und Strassenplaner, Finanzverwaltungen, Politiker und Richter schnellstens umdenken müssen. Bäume dürfen nicht mehr als unbequeme Hindernisse bei der Erschliessung von Grundstükken, Planung von Strassen und Schlichtung von nachbarlichen Streitigkeiten angesehen werden. Sie müssen ihren festen Platz in den Planungen einer langfristigen Umweltvorsorge bekommen. Eine alte Weisheit bekommt damit eine neue Bedeutung: ‹Eine Stadt ist so reich, wie die Zahl ihrer Bäume gross ist›.»

Einzelbäume und Baumgruppen — Zusammenfassung

Bedeutung

  • Jeder Baum ist Bestandteil des biologisch-chemisch-physikalischen Naturgeschehens
  • Jeder gesunde Baum produziert mehr Sauerstoff als er verbraucht, verarbeitet Kohlendioxid, beeinflusst die Loka/temperatur, gleicht die Luftfeuchtigkeit aus, spendet Schatten, filtert die Luft und bietet zahlreichen Kleintieren Nahrung, Brutstätten und Verstecke
  • Bäume prägen das Landschaftsbild, lockern Wohnquartiere auf und verschönern Stadtteile Einzelne alte Bäume sind manchmal mit Sagen oder geschichtlichen Ereignissen verknüpft; sie sind deshalb auch aus kulturhistorischen Gründen erhaltenswert
  • Der Wert eines Baumes lässt sich mit Hilfe anerkannter Normen ermitteln und in Geldbeträgen ausdrücken

Naturschutzfragen; Checkliste

  • Wie lässt sich das Baumsterben in der Gemeinde abstoppen?
    • Baumschutzverordnung?
    • Paragraph in der Bauordnung?
    • Auflagepraxis bei Baubewilligungen?
    • Aufruf an die Bevölkerung?
  • Können besonders wertvolle, aber überalterte oder kranke Bäume gerettet werden?
  • Wie lassen sich die Bäume an asphaltierten Strassen und Plätzen erhalten?
  • Wo gibt es geeignete Stellen für Neuanpflanzungen?
  • Wer übernimmt die Kosten der Pflanzungen und der Pflege?

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Dieser Artikel wurde am Juni 27, 2014 in der Kategorie Über Wert & Pflege von Stadtbäumen abgelegt. Sie können die Antworten zu diesem Artikel über den RSS 2.0-Feed abonnieren. Die können diesen Artikel kommentieren, oder einen Trackback von Ihrer eigenen Website hinzufügen.