Podiumsdiskussion „Spannungsfeld: Stadtentwicklung und Grünraumerhaltung“

Zur Information für unsere Gäste haben wir am 5. Juli im Rahmen unserer Info-Party im Hof eine Podiumsdiskussion veranstaltet unter dem Titel „Spannungsfeld: Stadtentwicklung und Grünraumerhaltung“. Moderiert wurde das etwa zweistündige Gespräch von Bernhard Reiter und Kati Pregartner. Am Podium teilgenommen haben:

Edith Friedl – Architekturhistorikerin
Andreas Kleboth – Architekt, kleboth lindinger dollnig Architekten
Olga Lackner – Landschaftsarchitektin, Naturplan
Elise Speta – Naturschutzbund OÖ
Christoph Wiesmayr – Architekt, Schwemmland, Urban-Gardening-Koordinator für das Klimabündnis

 

Zusammenfassung der Diskussion
(leider noch nicht komplett)

Nach der Vorstellung der Teilnehmer eröffnete Bernhard Reiter mit einem Facebook-Zitat von Edith Friedl:

Ich versteh das nicht: Jetzt haben wir mitten in Linz eine Kunstuniversität mit starkem Schwerpunkt im Architekturbereich (Architektur, Raum&Design, Architektur&Urbanistik) und es gibt null Reaktion aus dem ‚kreativen Elfenbeinturm’, wenn sich in seiner unmittelbaren Nähe architektonischer und städtebaulicher Krampf aufbaut. Da wird beispielsweise öffentlicher Raum zur Ödnis umgestaltet; da schwebt die Abrissbirne über traditionsreichen Arbeitersiedlungen; da schießen völlig überflüssige Hochhäuser unkontrolliert aus dem Boden – und alle schauen zu, ohne ein Ohrwaschl zu rühren.

Reiter: „Wir sind zwar nicht die Kunstuni, aber wir rühren ein Ohrwaschel — was können wir tun, damit’s besser wird?“

Friedl: Grünraum in Innenstädten aufwerten, nicht abbauen, gerade in Linz, wo Urbanität und internationale Reputation betont werden. Gegenwärtige pflegeleichte Hochhaus-Architektur aus Glas und Beton muss sich in Linz erst bewähren, Innenhofgärten könnten in 30 Jahren immer noch gleich toll aussehen und umso besseren Erholungswert haben Bedeutung für Ökosystem, Luft und soziales Gefüge. Gegen Speckgürtel, Leute sollen in der Stadt bleiben und sich hier wohlfühlen können.

Andreas Kleboth findet uns kleinkariert, wenn wir fordern, dass die Innenhöfe grün bleiben sollen, denn eine Stadt, die sich nicht verändert, sei nicht lebendig. Eine Stadt sei nie fertig, sie müsse sich kontinuierlich an die veränderten Bedürfnisse ihrer Bewohner anpassen.

Friedl: Wohin verändert sich die Gesellschaft?

Kleboth: Zu sagen, früher sei alles bessser gewesen, sei Pessimismus. Wien, zum Beispiel, wachse derzeit massiv: 600 000 Bewohner mehr in ca. 25 Jahren. Linz hingegen habe das gegenteilige Problem: Viele Pendler, die in Linz arbeiten. Besser wäre es, wenn mehr Menschen im Zentralraum von Linz auch wohnen könnten.

Publikum: Warum ziehen Menschen aufs Land?

Kleboth: Bisher sei das Einfamilienhaus die belieteste Wohnform der Österreicher, aber das sei aus verschiedenen Gründen auch einem Wandel unterworfen, zB aufgrund geänderter Beziehungsmodelle.

Speta: Attraktiv für Leben in der Stadt ist das Vorhandensein von Bäumen, empfindet es als gesellschaftliche Veränderung, dass es hier in der Innenstadt Menschen gibt, die sich für Bäume einsetzen und nicht kritisieren (Mist auf Auto), weist auf den drohenden Verlust der Bäume und des Ökosystems hin. Die Artenvielfalt sei in der Stadt oft größer als in der „Agrarwüste“. Posters von Natur aufzuhängen ist Zeichen für Sehnsucht der Menschen nach einer grünen natürlichen Umgebung. Im starken Kontrast dazu ist die tatsächliche Lebensdauer eines Baumes in der Stadt oft nicht mehr als 15 Jahre, weil sich jemand über den Baum beschwert, dass der Baum im Weg sei oder weil der Baum durch Stadtbedingungen geschädigt ist. Lebenswerter Innenhof

Kati Pregartner: Veränderung ja, aber Bäume schützen, um Lebensqualität zu bewahren, die bereits da ist. Tiefgaragen woanders hinbauen oder für die Beschaffung von Parkraum andere bzw. neue Konzepte entwickeln.

Sebastian Weber (aus dem Publikum): Der Blick auf die Bäume, die Vögel sind Lebensqualität in der Stadt, bei gleichzeitig effizienterer Lebensweise (kurze Wege, keine Staus).

Kleboth: Das alte Gebäude auf Mozartstraße 33 sei kein großer Verlust. Publikum wirft ein, dass es nicht um den Neubau des Hauses an sich gehe, sondern darum, dass durch den Bau einer Tiefgarage das Nachpflanzen großkroniger Bäume für die Zukunft verunmöglicht werde und die Befürchtung naheliege, dass dann neben einem Betonklotz der nächste errichtet u.s.w.

Kleboth auf die Frage von Lozenz Potocnik (aus dem Publikum) ob es für ihn in Ordnung sei, dass für die anstehenden Bauprojekte eine Vielzahl an Bäumen gefällt werden müsse: Wohnraum und Parkraum sei aus Gewohnheit eng miteinander verbunden. Aus seiner Sicht könne man das auch trennen, es sei aber Verordnung (Einwurf Wiesmayer), da auch Städter häufig Autos haben wollen. Alternativ gebe es Hochgaragen, das sei unansehnlich. Einwurf Pregartner: Tiefgaragen unter Straßen statt unter Gärten. Kleboth kennt 3 konkrete Projekte, wo das versucht werde, deren Umsetzung sei aber schwierig, da in der Straße meist die Versorgungsleitungen verlaufen. Viel interessanter fände er es, wenn von den Bürgern die Initiative ausginge, in einem Hofgeviert wie unserem alle Zäune zu entfernen und den Grünraum gemeinsam zu nutzen. Bernhard Reiter gibt das Wort an Christoph Wiesmayer weiter, Urban gardening eigene Stelle beim Klimabündnis, mit sozialem Aspekt.

Wiesmayr, Architekturstudium in Graz, seit 2010 wieder auf einem Bauernhof im Linzer Gewerbegebiet und setzt sich für Erhaltung von Freiräumen ein. Stadtbewohner sollen teilnehmen können an der Gestaltung des öffentlichen Raums anstelle einer ausschließlichen Top-Down Planung durch Architekten, Landschaftsplaner und Stadtregierung. Initiativen, die sich für ihr Umfeld einsetzen, sind in Linz noch dünn gesät. Probleme, die aufgrund der dichten Besiedlung entstehen. Versäumnisse in Linz sind auf verkehrspolitischer Ebene (Vergleich mit Wien), das Große und Ganze wird vernachlässigt, das Auto ist kein zukunftsfähiges Transportmittel und müsse am Stadtrand bereits abgefangen werden: Park&Ride, Fahrrad-Highways, damit andere Verkehrsmittel attraktiver werden.

Kleboth kritisiert, dass Autos derzeit den meisten Platz im öffentlichen Raum einnehmen, dem seien seines Erachtens Tiefgaragen vorzuziehen. Darüber hinaus stellt er ein Kopenhagener Modell vor, den Parkraum jährlich um einen minimalen Prozentsatz zu reduzieren, um die Autos langfristig aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen.

Auseinandersetzung, ob der Innenhof dem öffentlichen Raum zuzuordnen sei: Kleboth vertritt die Meinung, der Innenhof sei klar ein privater Raum, Friedl und Wiesmayr werfen ein, es gäbe jedenfalls ein gewisses öffentliches Interesse am Innenhof. Klaus Zeman und Sebastian Weber (aus dem Publikum): Die Erhaltung von Grünflächen (egal ob im privaten oder öffentlichen Raum) sowie die Reduktion versiegelter Flächen seien laut Örtlichem Entwicklungskonzept im öffentlichen Interesse.

Kleboth: Der Erhalt von Grünflächen schließe deren Unterbauung nicht aus. Fragmentierung der Blockrandbebauung sei vorteilhaft für den Hof: zB ermögliche der Durchbruch im Erdgeschoß oder die niedrigere Bauhöhe von Fadingertsraße 17 eine wünschenswerte Durchlüftung, eine Passiermöglichkeit für Tiere, etc. Das sei im öffentlichen Interesse.

Zeman: Der Durchbruch stehe aber im Widerspruch zum Örtlichen Entwicklungskonzept. Dieser Gesetzeslage könne man sich nicht widersetzen.

Kleboth hat Erfahrung gemacht, dass selbst Stadtentwickler oft zu sehr über private Interessen nachdenken und sich nicht bewusst sind, was öffentliche Interessen seien: Gutes Stadtklima, Sicherheit und Attraktivität des öffentlichen Raums und auch das Vorhandensein von Bäumen seien öffentliche Interessen. Kleboth spricht sich dafür aus, das Haus Fadingerstr. 17 mit Lücke zu erhalten und stattdessen im Hof zu bauen. Lackner wirft ein, dass auch auf die maximale Gesimshöhe aufgestockt werden kann. Dann sei die bebaubare Fläche auf dem Grundstück von Fadingerstraße 17 im Verhältnis größer als auf den umliegenden Grundstücken, sind sich Publikum und Podium einig.

Weber (aus dem Publikum): Wenn es im Hof eine Gebäudezeile gäbe, wäre auch die Baulücke auf Fadingerstraße 17 nichts mehr wert, da kein Hofgarten mehr überbliebe, dem diese zugute kommen könnte. Er verweist auf den angrenzenden Hof (Mozart-, Fadinger-, Harrach- und Dametzstraße), wo genau eine derartige Hofverbauung passiert sei.

Kleboth: Die benötigte Gebäudetiefe sei von der Gebäudenutzung abhängig, daher seien Hinterhäuser in vielen Städten allgemein üblich. Wohnen brauche im Schnitt eine Tiefe von 12-14 m, Büros und Werkstätten bräuchten mehr Tiefe. Durchmischung ist gut, weil sie zu einer Stadt der kurzen Wege führe.

Reiter: im vorliegenden Fall seien vorwiegend Wohnzwecke, evtl. Büros vorgesehen.

Weber: Durchmischung ist klarerweise gut, aber sie unterliegt ökonomischen und nicht gestalterischen Überlegungen. Kritisiert billige Bauweise, die durch fehlende Regelung nicht hinreichend eingeschränkt werde. Das sei nicht Stadtplanung sondern Wildwuchs!

Reiter: Qualitätsaspekt komme in der Gebrauchsarchitektur auch seines Erachtens viel zu kurz, das könne man am auch Beispiel Mozartstraße 33 ablesen, wo ein Gebäude errichtet werden soll, dessen Gestalt vornehmlich durch technische Anforderungen bestimmt würde, und das qualitativ wohl kaum hochwertiger als das bisherige Haus sei. Warum sollte für schlechtere Qualität auch noch wertvoller Baumbestand geopfert werden?

Überleitung zu Olga Lackner. Sie stimmt mit Edith Friedl in folgendem überein, auf Twitter schreibt sie:

Gebäude werden von Fachexperten geplant, der Freiraum wird in Österreich „miterledigt“

Lackner: Nur in Einzelfällen werden Landschaftsplaner als Fachleute hinzugezogen, die Tiefgarage auf Mozartstraße 33 sei ein gutes Beispiel dafür: Keine Bewertung und Planung des Grünraums führt zu geringer Substratauflage, die nicht ersetzen kann, was jetzt da ist. Stadtplanung, sogar das örtliche Entwicklungskonzept, sei besonders in Linz ist in puncto Grünraum konzeptlos! Nur Alibileitsätze, aber keine konkrete Planung. Grünraum sei ein Wirkungsgefüge, von dem wir noch nicht alle Komponenten restlos nachvollziehen können. Die Konsequenzen von Auslöschung einzelner Aspekte kann nicht in voller Tragweite abgeschätzt werden. Abwanderung immer dort, wo wenig hochwertiger Grünraum vorhandenen ist. Freiraumplanung sollte aus ökologischen und sozialen Gründen hoher Stellenwert eingeräumt werden. Sie betont, dass Natur und Grün permanent empfunden wird, und nicht messbar sei. Die Werbung nutze diesen Aspekt, indem sie über positiv besetzte Natureindrücke Produkte anpreist, aber die Politik sei nicht bereit die Verantwortung für die Schaffung und Erhaltung dieser Lebensqualität zu übernehmen. In Österreich sei Landschaftsarchitektur überhaupt nicht verankert, Planungsprozesse seien allgemein eher von oben gesteuert und die Bürgerbeteiligung, wie sie zB in der Schweiz üblich sei, sei nicht gelebte Praxis. Stattdessen reagieren wir eher hilflos, wenn wir mit einer Planungsentscheidung unzufrieden seien, meint Lackner.

Kleboth stimmt zu, Wien sei eine Ausnahme, wo viele Planungsschritte als kooperative Prozesse ablaufen, auch in Salzburg sei es ähnlich. In Linz bestünde tatsächlich Nachholbedarf.

Friedl betont den Wert des Nussbaums als Insektenschutz-Pflanze. Die Luft habe keine Grenzen. Es sei somit klar, dass der Fortbestand der Bäume aufgrund ihrer wichtigen Funktion im allgemeinen Interesse seien. Zubauten und Stadtverdichtung seien in einer Stadt, die eher mit Abwanderung zu kämpfen habe, fehl am Platz. Neu geschaffene Wohnungen seien eher im Interesse der Gentrifizierung, es gäbe genug Leerstände, wenn es nur um Wohnraumschaffung ginge. Streit zwischen Friedl und Kleboth über die Sinnhaftigkeit der Wohnraumschaffung. Das Publikum unterstützt mehrheitlich Friedls Argumente: es stünden im Viertel ganze Häuser leer (Weber), sodass nicht um jeden Preis neu gebaut werden müsse.

Elfe Koplinger berichtet von der Baustelle auf ihrem Nachbargrundstück. Lorenz Potocnik stimmt zu, dass absolute Bauhöhen als Richtlinien besser wären als Angaben über Geschoßhöhen, die Spielraum für Tricksereien ließen und neue Gebäude höher errichtet würden, als vom Bebauungsplan intendiert.

Kati Pregartner stellt abschließend zwei Fragen an die Runde: Welchen Baum der ÄK schenken? Und an Andreas Kleboth im Speziellen, ob auch er unsere Einwände unterschreiben wird? … er hat! Vielen Dank an alle Diskutanten auf dem Podium und an das Publikum, das sich sehr interessiert und emotional am Gespräch beteiligt hat.

Schließlich wurde die Diskussion um etwa 21.45 Uhr vom einsetzenden Regen leider etwas abrupt beendet.



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Dieser Artikel wurde am Juli 8, 2013 in der Kategorie Unsere bisherigen Aktivitäten abgelegt. Sie können die Antworten zu diesem Artikel über den RSS 2.0-Feed abonnieren. Die können diesen Artikel kommentieren, oder einen Trackback von Ihrer eigenen Website hinzufügen.